Ratio Cover

Mario Harfner

Über Bande

und andere Erzählungen von starken Frauen

Eine Entwicklungsleiterin, in deren Abteilung ein attraktiver Praktikant Unruhe bringt,
eine Guanchen-Prinzessin, der bei der Eroberung Teneriffas die Sklaverei droht,
eine dicke Kassiererin im Supermarkt, deren Leben sich nur noch in ihrer Fantasie abspielt,
und schließlich eine junge Frau im mittelalterlichen Island, die mit ihrer Familie geächtet wird,
alle diese Frauen verbindet, dass sie mit Fantasie, List und den Waffen der Frauen darum kämpfen, ihrer misslichen Lage zu entkommen.


Genre: Roman • Produktform: Gebunden, 204 Seiten • Format: Taschenbuch • Sprache: deutsch • Erscheinungsjahr: 2017 • ISBN: 978-3-938721-03-2 • Preis: 12,80 €

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Leseprobe

Über Bande

Das Berufsleben lässt Menschen mit unterschiedlichsten Lebensläufen aufeinander treffen. Meist stehen für die Beschäftigten Verdienstmöglichkeit und Karriere im Vordergrund, aber nirgendwo sonst ist das Zusammenleben fremder Frauen und Männer ausgeprägter. Deshalb braucht man sich nicht zu wundern, wenn manchmal auch etwas andere Beweggründe die Menschen zur Arbeit ziehen. So auch bei einem Trio, wie es sich nur in diesem Umfeld ergeben kann, und dem die tägliche Arbeit eine ganz unerwartete Befriedigung gab.

Einmal war da die Entwicklungsleiterin, eine junge Frau Anfang dreißig, intelligent, hoch qualifiziert und promoviert. Sie kam aus der Forschung eines großen Konzerns, eines Firmenbereichs, der gleichzeitig auch der Rekrutierung des Führungsnachwuchses diente. Zwei Jahre hatte sie dort erfolgreich gearbeitet und damit ihre Eignung zu Höherem gezeigt. Danach war sie in die Tochterfirma versetzt worden, um dort Praxiserfahrung zu sammeln und sich die ersten Sporen als Managerin zu verdienen.

Sie leitete ein anspruchsvolles Projekt, das im Erfolgsfall für das Unternehmen bedeutende Zukunftsperspektiven eröffnete und sie für höhere Positionen empfahl.

Sie war zierlich und in ihrer Aufmachung als Geschäftsfrau mit Kostüm und halbhohen Schuhen recht attraktiv. Trotzdem war sie unverheiratet. Während des Studiums und im Forschungsinstitut hatte sie sich nicht besonders für Männer interessiert und die Arbeit über das Privatleben gestellt. Danach steckte sie in der Falle vieler erfolgreicher Frauen, es gab in ihrem Umfeld keine passenden Männer mehr.

Ihren Mitarbeitern, von denen ihr anfangs einige heftig den Hof machten, zeigte sie die kalte Schulter, in ihren Augen waren sie nicht angemessen. Die Kollegen in ähnlichen Positionen waren entweder schon verheiratet oder nicht daran interessiert, sich zu binden. Ihre Arbeitstage waren so ausgefüllt, dass sie abends keine Lust und auch nicht mehr die Kraft hatte auszugehen.

Da sie entsprechend der Firmenphilosophie nur für ein paar Jahre am Ort ihrer jetzigen Tätigkeit bleiben und danach ganz woanders eine neue Aufgabe übertragen bekommen würde, konnte sie auch in ihrem jetzigen Wohnort, einer Kleinstadt, keine Wurzeln schlagen. Allein lebte sie in einer komfortabel eingerichteten Dreizimmerwohnung.


Die Macht der Glöckchen

Man schrieb das Jahr 1466. Im heimischen Spanien lag metertief der Schnee. Hier auf Teneriffa erinnerte nichts an den fernen Winter. Im Innenhof der von den Eindringlingen schnell errichteten Festung spielte ein lauer Wind mit den scharlachroten Blüten eines Glockenblumenstrauchs. Am frühen Morgen hatte sich noch kein Wölkchen am Himmel gebildet. Tiefblau wölbte er sich über die grandiose Landschaft, die sich in Wellen immer höher auftürmte bis zu den himmelragenden Schneefeldern des Teide. In der Stille konnte man das anbrandende Meer hören.

Es hätte ein Paradies sein können, aber es war nur der Morgen nach einem schändlichen Verrat.

Herrera, der Anführer der Spanier, hatte zwei Jahre zuvor das Stück Land von den einheimischen Guanchen unter dem Versprechen der Friedfertigkeit erworben. Er nutzte die Zeit, die Insel zu erkunden und sich durch Zuzug von Kräften vom bereits eroberten Lanzarote her zu verstärken. Nun glaubte er sich stark genug, seine Herrschaft ausdehnen zu können.

Zur Einweihung der Festung lud er die einheimische Oberschicht zu einem dreitägigen Fest, und unter Führung des Fürsten Tegueste erschienen die Männer in großer Zahl. Arglos feierten sie, ohne zu ahnen, dass Soldaten Herreras gleichzeitig aufbrachen, um Beute zu machen.

In der zweiten Nacht der Feier stürzten plötzlich Bewaffnete in den Festsaal und überwältigten die vom ungewohnten Wein benommenen Gäste. Einigen gelang es noch, das Obsidianmesser zu ziehen. Aber die Übermacht war zu groß und kannte keine Gnade. Wer sich wehrte, wurde umgebracht. Auch Fürst Tegueste war unter den Opfern. Die anderen wurden in Ketten gelegt und in einen Kellerraum geworfen.

In einer abgestimmten Aktion überfielen zur gleichen Zeit die Soldaten den Palast Teguestes, nahmen alle Bewohner gefangen und führten sie, beladen mit ihrem wertvollsten Besitz, in Fesseln zur Festung. Wessen immer sie auf ihrem Zug habhaft werden konnten, teilte das Schicksal der Unglücklichen.

Die Stille des Morgens rührte von dem stummen Entsetzen der Eingesperrten und der Erschöpfung ihrer Bezwinger nach der Siegesfeier.


Kundenbetreuung

Martina war jung und dick, nicht füllig oder korpulent, sondern richtig dick. Die Schenkel, Bauch und Po waren prall, die Arme fett und der Busen zog schwer nach unten. Das Haar konnte sie waschen so oft sie es wollte, immer hing es ihr glatt und strähnig ins Gesicht.

Den Tag über saß sie in dem kleinen Geviert an der Kasse eines Supermarkts, abends zu Hause vor dem Fernseher. Ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht waren nach einigen Fehlschlägen auf null gesunken und auch eine Freundin konnte sie nicht vorweisen.

Außer den paar privaten Gesprächsmomenten mit den Kolleginnen lebte sie für ihre Arbeit und einen kleinen Hund, den sie nach langen Auseinandersetzungen mit ihrem Vermieter in ihrer Wohnung halten durfte. Im Supermarkt war sie beliebt, sie war pünktlich, freundlich, und wenn keiner den Preis eines Sonderangebots wusste, fragte man sie.

Ihr Leben hätte sich in seinen engen Bahnen abspielen können, sie wäre dabei älter geworden und vermutlich kurz nach Eintritt ins Rentenalter wegen Herzversagens gestorben. Aber sie hatte eine Angewohnheit, die sie still in ihrem Herzen trug und von der keine ihrer Kolleginnen etwas wusste.

Während sie, ohne denken zu müssen, die Waren über den Scanner schob, feierte sie wahre Orgien mit den Kunden. Sie liebte Männer und es lag nicht an ihr, wenn sie keine Beziehung hatte, sie traute sich nur nicht mehr, den Kontakt zu suchen. In ihren Gedanken hatte sie diese Hemmung nicht, da konnte sie souverän über die Kunden verfügen. Sie waren hilflos ihren Vorstellungen ausgelieferte Sexualobjekte.

Am stärksten sprang ihre Phantasie an, wenn ein Mann allein vor ihr stand. Während sie ruhig und freundlich ihre Arbeit tat, überlegte sie genüsslich, welche Unterwäsche er wohl trug. Sie war gut über die Möglichkeiten informiert, denn ihr Geschäft führte auch diese Artikel. Es lag in ihrer Macht, was sie ihm anzog. Manchmal verzichtete sie auch ganz auf Unterwäsche, wenn sie nur die Hand ausstrecken würde, könnte sie es spüren.

Was würde geschehen, wenn er kein Geld hätte? Würde sie ihm anbieten, seine Kleider in Zahlung zu nehmen, damit er nicht verhungern musste? Ja, denn sie war ja immer hilfsbereit. Vor ihrer Kasse würde er ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegen und auf das Laufband legen. Sie würde sagen: „Es reicht noch nicht“, und er würde sich weiter ausziehen. Die Jacke, das Hemd, Schuhe und Strümpfe. Dann würde er etwas stocken, aber auf ihr unerbittliches „Es reicht noch nicht“ würde er sein Unterhemd ablegen und dann seine Hose. In der Unterhose würde er vor ihr stehen und sie flehend anschauen, aber „Es reicht noch nicht“. Langsam würde er auch aus seiner letzten Hülle schlüpfen und sie ihr herüberreichen.

Er wäre verlegen und würde am liebsten im Erdboden versinken. Mit feuerrotem Kopf und niedergeschlagenem Blick ließe er es über sich ergehen, wenn sie erst ihn und dann sein Höschen anschaute.

Manchmal gab sie sich damit zufrieden, manchmal reichten alle Kleider und der Anblick nicht, die Waren zu bezahlen. Sie gab dem Mann ihre Adresse und sagte, er solle sie am Abend besuchen und seine Schulden vollends abarbeiten.

An manchen Tagen geschah die Entkleidung zu Zeiten, wenn kein anderer Kunde und keine Verkäuferin anwesend war, und sie sich ganz allein mit dem Mann beschäftigen konnte, manchmal, wenn der Laden voll war und die Kunden um den sich entkleidenden Mann eine Traube bildeten. Anfeuernde Rufe und Kommentare bis hin zu obszönen Bemerkungen konnten vorkommen.

Beim Bezahlen lächelte sie den Kunden freundlich an und der wusste nicht, welcher Gefahr er gerade entronnen war.


Comeback

Island ist ein wunderbares Land, wild, mit riesigen Lavafeldern, Mooren und einer auch noch heute kaum gezähmten Natur. Wenn man im klimatisierten Geländewagen über Land fährt, mit der Erwartung, am Abend ein Bad im von heißen Quellen gespeisten Hotelpool zu nehmen und den Hunger mit einem Viergänge-Menü zu stillen, kann man dies unbeschwert genießen.

Nur wenige Besucher machen sich klar, wie hart die Anfänge der Besiedlung dieser Insel waren, wie unwirtlich die Umgebung sich zeigte, und wie karg sich das Leben gestaltete. Nur in der Gemeinschaft konnten die ersten Siedler unter viel Mühe überleben. Die härteste Strafe war es, aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Die Ächtung kam einem langsam vollstreckten Todesurteil gleich, bei dem das Opfer in seiner Not mehr und mehr zum Tier wurde und schließlich verhungerte, erfror oder bei einem Diebstahl erschlagen wurde.

Diese schreckliche Strafe wurde selten verhängt, es gab einfach zu wenige Menschen, dass man sich einen Ausfall leisten konnte. So gut wie nie kam es vor, dass eine Frau geächtet wurde. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Davon will ich erzählen.

Anlass war der Streit um ein Stück Ackerland zwischen zwei Nachbarn. Ein solcher Streit war nichts Besonderes. Wegen der wenigen Flächen, auf denen Getreide angepflanzt werden konnte, waren solche Parzellen heiß begehrt. Auch dass es bei dem Streit zwischen den Gefolgsleuten der beiden Bauern zu Handgreiflichkeiten und schließlich zu Blutvergießen kam, war nichts Außergewöhnliches. Auf dem nächsten Thing, der Vollversammlung der freien Männer, hätte das Problem schlimmstenfalls mit der Zahlung einer Buße beigelegt werden können.

Problematisch war, dass die beiden Bauern unterschiedlichen Parteien angehörten. Der eine war ein Vertreter der traditionalistischen Linie, die enge Beziehungen zur alten Heimat in Skandinavien halten und dortige Herrscher auch auf Island regieren sehen wollte, der andere tendierte dazu, sich auf der eigenen Scholle selbständig zu machen und einen eigenständigen isländischen Staat mit einem heimischen Herrscher zu gründen.

Die Politik machte aus den Raufhändeln ein Staatsverbrechen. Die überlegenen Traditionalisten setzten, um die Gegenpartei zu schwächen, durch, dass der Widerpart ihres Anhängers zum Aufrührer erklärt und an ihm ein Exempel statuiert wurde. Der Bauer und seine Söhne wurden geächtet, seine Frau zur Dienerin im Haushalt des Siegers degradiert und seine Töchter als Nebenfrauen dessen Männern gegeben. Seine Gefolgsleute, vor die Wahl gestellt, einen Treueeid auf den Nachbarn zu leisten und ihr Land zu behalten oder alles zu verlieren, wählten das Naheliegende.