Ratio Cover

Mario Harfner

Der Spender

oder eine andere Art die Welt zu retten

… wenn Frauen die Welt retten
Eine jugendliche Dame bei ihrer Kulturreise durch Italien zu begleiten, lässt sich für einen jungen Studenten an wie ein Traumferienjob. Doch die Dinge entwickeln sich anders. Geht es um eine Verführung? Anscheinend nicht. Rätselhafte Dinge geschehen, der junge Mann gerät in turbulente Abenteuer. Rettet er tatsächlich die Welt?
Frauen ziehen in diesem Buch die Fäden. Ihr Tun dient erhabenen Zielen, doch darüber vergessen sie nicht, auch für die Erfüllung ihrer ureigenen Wünsche zu kämpfen.


Genre: Roman • Produktform: Softcover, 210 Seiten • Format: Taschenbuch • Sprache: deutsch • Erscheinungsjahr: 2016 • ISBN: 978-3-938721-02-5 • Preis: 12,80 €

Einen Blick ins Buch werfen

Leseprobe

Reisebekanntschaft

Völlig zerstritten machten wir uns an die Weiterfahrt. Während ich steuerte, suchte sie in den Reiseführern das nächste Ziel. Wenn unklar war, wie ich fahren musste, gab sie mir einen kurzen Hinweis, sonst saßen wir stumm nebeneinander. Die Straße passte zu unserer Stimmung: flach und wie mit dem Lineal gezogen durchschnitt sie die endlos scheinende Ebene. Nur die Musik aus dem Radio brachte etwas Abwechslung.

Sie lenkte mich über die Autobahn Richtung Padua. An einer Tankstelle legten wir eine kleine Rast ein. „Nach einem so knappen Frühstück musst du ja ordentlich hungrig sein“, machte Marianne einen Versuch, mit mir ins Gespräch zu kommen. Solange sie mir die Bilder nicht gab, hatte ich aber keine Lust, mit ihr zu sprechen, und antwortete nur eintönig: „Wie du willst.“

Als wir bestellt hatten, verschwand sie im Waschraum. Ihre Kamera ließ sie auf dem Tisch liegen. Das war meine Chance. Ohne über die Folgen nachzudenken, schlimmer konnte es nach den Befürchtungen, in die ich mich hineingesteigert hatte, eh kaum werden, nahm ich den Apparat, öffnete ihn und holte den fast ganz belichteten Film heraus. Alle Bilder, die darauf waren, wurden dadurch schwarz. Schnell drehte ich den Film wieder zurück in seine Rolle und legte ihn ein zweites Mal ein. Es dauerte etwas, bis ich verstand, wie die Automatik funktionierte. Das war mein Pech. Denn als ich noch eifrig dabei war, eine schnelle Folge von Bildern zu machen, um die Anzeige über die Anzahl der gemachten Aufnahmen wieder auf den ursprünglichen Stand zu bringen, kam sie zurück und sah mich mit der Kamera hantieren.

Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden und schrie: „Was machst du da, lass meinen Foto in Frieden!“ Bei einem Blick auf den Apparat dämmerte ihr, was ich getan hatte, und sie wurde erst richtig wütend. „Du hast meine Urlaubsbilder kaputtgemacht. Weißt du, was du mir damit angetan hast? Du bist ein Idiot! Jetzt reicht es mir. Von nun an sind wir geschiedene Leute.“

Umständlich kramte sie in ihrer Tasche, bis sie ein kleines Telefonnummernverzeichnis fand, griff nach ihrem Handy und rief in Berlin bei der Agentur an. Ich konnte mithören, wie sie energisch erklärte, sie sei mit einem Begleiter der Agentur in Italien unterwegs, sie habe eine ernste Beschwerde und wolle sofort den Chef sprechen.

Das hatte ich nicht erwartet. Der Anruf veränderte alles. Während sie darauf wartete durchgestellt zu werden, begann ich meine Lage von einem ganz anderen Standpunkt aus zu betrachten. Wenn wir im Streit über die Bilder auseinander gingen, kam die ganze Geschichte bestimmt an die Öffentlichkeit, und dann geschah genau das, was ich vermeiden wollte. Mein Ärger verwandelte sich in Bestürzung. Doch auch eine gehörige Portion Trotz beherrschte mich. Es war unfair von Marianne, mir die Bilder nicht zu geben und jetzt dieses Theater zu machen. Sie wusste genauso gut wie ich, wie heikel solche Aufnahmen sind.

Die Trennung selbst schreckte mich nicht. Wenn sie es so wollte, würde ich die Reise abbrechen, nach Hause fahren und den Job eines Reisebegleiters an den Nagel hängen. Es wäre schade um die angenehme Geldquelle, aber irgendwie würde ich schon welches verdienen. Viel mehr Lust hatte ich aber, es auf einen Streit ankommen zu lassen. Im Moment fiel mir zwar nichts ein, was ich Marianne konkret vorwerfen konnte, aber Danny würde mich vielleicht verstehen. Ihm fiel es sicher nicht schwer, sich in meine Rolle hineinzuversetzen. Möglicherweise beschäftigte er mich sogar weiter. Aber was war, wenn meine Freundin etwas von der Geschichte erfuhr? Das wäre schlimm und das Schlimmste, es ließ sich vermutlich nicht vermeiden.

Der Anruf brachte den Stein ins Rollen und die Angelegenheit nahm dann unaufhaltsam ihren Lauf. Was konnte ich tun? Ich hatte keine Ahnung, ich brauchte unbedingt Zeit zum Nachdenken. Deshalb bat ich Marianne: „Lass uns erst reden, bevor du telefonierst.“ Sie reagierte ablehnend. Erst auf mein beschwörendes: „Bitte“, brach sie den Anruf ab, rief dann aber nochmals an, und erklärte, sie könne nicht mehr länger warten und würde sich später wieder melden.

Dann fragte sie mich barsch: „Sag, was es deiner Meinung nach noch zu bereden gibt.“

Ich wusste es auch nicht so genau. In meiner Not fing ich an, über den gestrigen Abend zu reden, und wie ich durch ihre Aufnahme überrumpelt wurde. Eindringlich beschrieb ich meine Befürchtungen wegen der Bilder.

Sie hörte nur schweigend zu.

Nach einer nachdenklichen Pause versuchte ich ihr mein Verhalten verständlich zu machen: „Die Angst hat sich richtig in mir aufgebaut, bis ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Nur so kann ich mir meine Kurzschlusshandlung erklären, deinen Film zu zerstören. Es tut mir leid, ich sehe ein, dass ich mit dir hätte reden müssen.“

„Das hilft mir wenig“, war ihr einziger Kommentar, während sie an ihrem Handy herumspielte.

Wieder entstand eine Pause. Was konnte ich noch zu meiner Rechtfertigung vorbringen? Wie konnte ich sie davon überzeugen, den Anruf zu unterlassen? Mir fiel nichts ein. Daher fragte ich ganz direkt: „Was kann ich tun, damit wir uns wieder vertragen?“

Jetzt war es an ihr nachzudenken. Endlich meinte sie: „Dass du meine Urlaubsfotos zerstört hast, weil du mir nicht traust, tut mir weh. Warum sollten sie in andere Hände geraten? Durch dein Misstrauen hast du unsere bisherige Harmonie zerstört. Ich sehe keinen Anlass, jemanden, der mir das Schlimmste zutraut, zum Reisebegleiter zu wählen.“

„Ich hatte keinen klaren Kopf mehr, die schlaflose Nacht, mein Kater, die Furcht, auch wenn sie grundlos war, hat sie doch mein Denken getrübt. Aber es ist klar, dass ich dir vertraue“, gab ich etwas unzusammenhängend meine Gedanken als Antwort wieder.

Ich konnte sie nicht erweichen. „Mit ein paar Worten kannst du das Geschehene nicht wieder gut machen, ich bleibe dabei, es ist das Beste, wenn sich unsere Wege trennen.“ Unbeeindruckt von meinen Ausführungen griff sie wieder zum Handy und rief die zuletzt angewählte Nummer auf.

„Lass mich mit Taten beweisen, dass ich der richtige Reisebegleiter für dich bin“, startete ich einen letzten Versuch, den sich abzeichnenden Schaden abzuwenden.

Sie legte das Telefon auf den Tisch. „Vor ein paar Tagen habe ich gesagt, ich wolle mich mehr um dich kümmern. Deine Reaktionen waren nicht immer so, wie ich es gewünscht hätte. Jetzt willst du dich durch Taten beweisen. Nun gut, ich gebe dir noch eine Chance, aber sei versichert, ich werde ausprobieren, ob du wirklich bereit bist, mir zu vertrauen. Als erstes werde ich von jetzt an Fotos von dir machen, wie und wann es mir gefällt. Willst du trotzdem mitkommen?“

Das war starker Tobak. Durfte ich mich darauf einlassen? Ihre neuen Bilder waren sicher genauso verfänglich wie die zerstörten. Sie ließ mir keine Wahl. Wenn ich mit ihr zusammenbleiben wollte, musste ich mich in ihre Hand geben. Jetzt konnte ich wählen, zwischen Pest und Cholera. Ich saß ganz schön in der Patsche.

Die Ausweglosigkeit machte mich zornig. Es hatte keinen Sinn, sie überzeugen zu wollen. „Du verlangst, dass immer alles nach deinem Kopf läuft. Meine Meinung interessiert dich überhaupt nicht. Schon gestern Abend hast du es abgelehnt, noch ein bisschen in Bibione zu bleiben, obwohl du sicher bemerkt hast, dass es mir gefallen hätte. Ich will nicht immer nach deiner Pfeife tanzen, auch wenn du alles bezahlst. Du bist nicht die einzige Frau, die ich begleiten kann. Denk an Lizzi, die würde mich auch nehmen.“

Dass mir Lizzi einfiel, fand ich gut, denn ein bisschen Konkurrenz konnte meine Stellung nur verbessern. Trotzig fuhr ich deshalb fort: „Zu der gehe ich jetzt und warte, bis du entschieden hast, ob du mich weiterhin als Reisebegleiter haben willst. Du kannst es dir überlegen.“

Dieser Ausbruch traf Marianne. Ernst, aber viel freundlicher als bisher antwortete sie auf meinen Vorstoß. „Peter, du bist ein erwachsener Mann. Du kannst tun, was du willst. Aber das solltest du dir nochmals überlegen. Ich will, dass du mir dein Vertrauen zeigst. Nicht mehr und nicht weniger. Lizzi ist nicht so, wie sie sich gestern gegeben hat. Deshalb habe ich die Einladung auch abgelehnt. Höre auf meinen Rat und gehe nicht zu ihr. Wenn du die Reise abbrechen willst, fahre nach Hause.“

Im Stillen hatte ich auf eine andere Reaktion gehofft, aber um einfach klein beizugeben war ich noch viel zu zornig. Ich hatte mich so verrannt, dass mich auch noch so wohlwollende Worte nicht mehr überzeugen konnten. „Du bist nur eifersüchtig auf Lizzi, deshalb magst du sie nicht. Ich werde zu ihr gehen.“

Bei aller Verbohrtheit war mir aber immer noch bewusst, dass ich Reisebegleiter war. Deshalb fragte ich geschäftsmäßig: „Wohin soll ich dich vorher noch bringen?“

Auch Marianne wurde gereizter. „Du musst nicht meinen, dass ich weltfremd bin. Ich kann durchaus auch selber Auto fahren. Aber ich will nicht, dass du in dein Unglück rennst. Doch wenn du darauf bestehst, fahren wir jetzt zu dieser Frau und du kannst dort aussteigen. Ich werde ein paar Tage lang hier in der Gegend bleiben und nichts mit Berlin unternehmen. Mittags werde ich ab und an vorbeikommen. Dann kannst Du entweder mitkommen oder mir sagen, dass wir uns trennen.“

Ich war einverstanden. Genauso wortlos wie wir gekommen waren, fuhren wir zurück. Den Imbiss ließen wir stehen.

Das Berufsleben lässt Menschen mit unterschiedlichsten Lebensläufen aufeinander treffen. Meist stehen für die Beschäftigten Verdienstmöglichkeit und Karriere im Vordergrund, aber nirgendwo sonst ist das Zusammenleben fremder Frauen und Männer ausgeprägter. Deshalb braucht man sich nicht zu wundern, wenn manchmal auch etwas andere Beweggründe die Menschen zur Arbeit ziehen. So auch bei einem Trio, wie es sich nur in diesem Umfeld ergeben kann, und dem die tägliche Arbeit eine ganz unerwartete Befriedigung gab.

Nach einigem Suchen fanden wir Lizzis Ferienhaus. Ich stieg mit meinem leichten Bündel aus, Marianne setzte sich ans Steuer und die Trennung nahm ihren Lauf.

Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich an die Tür klopfte. Eigentlich wusste ich so gut wie nichts von Lizzi. Nach dem zweiten Klopfen hörte ich ihre Stimme: „Ich komme. Wer ist denn da?“ Dann ging auch schon die Tür auf und Lizzi streckte den Kopf heraus. „Du bist es!?“ Ungezwungen duzte sie mich. „Wo hast du denn Marianne gelassen?“

„Das ist eine lange Geschichte. Wir haben uns getrennt. Kann ich trotzdem die Einladung von gestern Abend in Anspruch nehmen?“ Ich vermied es, sie zu duzen, wollte sie aber auch nicht siezen.

„Sicher, obwohl Herrenbesuch bei einer allein stehenden Frau nicht gut für ihren Ruf ist. Es wäre besser gewesen, wenn ihr beide, sozusagen als meine Freundin mit ihrem Sohn, bei mir eingezogen wärt. Doch komm erst einmal herein, mir wird schon etwas einfallen.“

Hinter der Tür erkannte ich, warum Lizzi sich nicht gezeigt hatte. Sie trug nur einen kurzen Kittel voller Farbflecken. „Ich bin gerade am Malen“, erklärte sie.

Mein Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet. Sie ließ mir kaum Zeit, das Gepäck abzulegen, so sehr brannte sie darauf, mir ihr Atelier zu zeigen. Jede Menge Charakterköpfe zierte die Leinwände - Bauern, Fischer, Heilige und Cäsaren. Sie waren ihr nur einen flüchtigen Kommentar wert: „Solche Bilder kaufen sich die Touristen gern als Andenken. Sie sind schnell gemalt und ich kann von ihrem Verkauf leben. Aber richtig Spaß macht es nicht, sie herzustellen. Den habe ich bei anspruchsvolleren Bildern.“ Dabei zeigte sie auf einige ausgearbeitete Gemälde, ähnlich denen, die ich während der vielen Museumsaufenthalte mit Marianne zusammen gesehen hatte. Etwas achtlos standen sie in einer Ecke.

Ich wollte höflich sein und erklärte, die Arbeiten erinnerten mich an die Werke der großen italienischen Maler, obwohl mir auffiel, dass sie nicht sehr sorgfältig ausgearbeitet, sondern eher grob nachempfunden waren. Der Vergleich schmeichelte Lizzi. Lächelnd erklärte sie: „Da hast du gar nicht so unrecht, es sind Kopien großer Meisterwerke.“ Aus einer Schublade holte sie einen ganzen Stapel von Kunstpostkarten und gab sie mir zum Ansehen. Dazu erklärte sie: „Leider habe ich keine besseren Vorlagen. Aber eine praktische Maschine hilft mir beim Malen. Ich werde es dir vorführen.“ Sie ließ sich den Stapel geben und blätterte ihn durch. Immer wieder blickte sie von den Karten auf und warf mir einen abschätzenden Blick zu, dass mir ganz seltsam zu Mute wurde.

„Das ist das Richtige“, kam sie schließlich zu einem Urteil. Bei diesen Worten legte sie die ausgesuchte Postkarte auf einen Projektor. Der vergrößerte das Bild und warf es auf eine Leinwand. „Schau, so liefert das kleine Bild eine ganz annehmbare Vorlage. Was du siehst, ist ein Bild von Andrea Mantegna, und zeigt den Heiligen Sebastian. Eigentlich hängt es in Wien, aber auf diese Art kommt es zu mir. Ich habe es ausgesucht, weil mich die Figur des Märtyrers an deine erinnert.

Mein Traum ist es, nach einer Vorlage aus Fleisch und Blut zu malen und tatsächlich einmal die feinen Strukturen eines Körpers darzustellen und nicht nur die verwaschenen Postkarten zu deuten. Du wärst ein gutes Modell, um das Bild nachzustellen.“ Ich winkte erschrocken ab, ich hatte genug davon, als Bildvorlage zu dienen.

Sie überging meine Ablehnung und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema: „Es ist Zeit, Mittagessen zu kochen. Hilfst du mir dabei etwas? Es gibt Risotto mit Pilzen. Das ist lecker, braucht aber jemanden, der geduldig in der Pfanne herumrührt. Diese Rolle habe ich dir zugedacht.“

„Vorher muss ich mich aber noch umziehen.“ Als fiele ihr erst jetzt ihre unzureichende Kleidung auf, fügte sie hinzu: „Hoffentlich störst du dich nicht an meiner Aufmachung. Es ist heiß hier, und wie du auf den Karten gesehen hast, haben wir Maler nichts gegen nackte Haut. Meine Küchenschürze ist auch nicht viel besser, aber zum Essen werde ich mich herrichten.“

In einer Umgebung von halbnackten Badeschönheiten fand ich Lizzis Aufmachung nicht außergewöhnlich

Meine Aufgabe beim Kochen war einfach. Lizzi bereitete alles vor, und erst als sie eine kleine Menge Brühe zu den angebratenen Zutaten mit dem Reis goss, musste ich mit einem Holzlöffel anfangen zu rühren. Immer wenn ich meinte, jetzt hätte der Reis alle Flüssigkeit aufgesogen und meine Arbeit wäre beendet, schüttete sie neue dazu.

Das Besondere an dem Risotto waren die Pilze. Braune vertrocknete Gebilde, die nicht aussahen, als könne man sie mit Appetit essen. Der Duft aber, der aufstieg, als Lizzi eine Handvoll davon klein geschnitten zum Reis gab, belehrte mich eines Besseren.

„Was sind das denn für Pilze? Die duften ja herrlich!“

„Das weiß ich leider auch nicht so genau. Eine alte Bäuerin aus den Bergen kommt manchmal vorbei und verkauft sie. Du hast Glück, sie war erst vor kurzem da. Deshalb habe ich noch einen Vorrat und wir können uns den Genuss mehrfach gönnen. Im Herbst bringt sie frische Pilze, die finde ich, sind noch besser. Überhaupt habe ich meine Freude an dem Gericht, obwohl manche damit Probleme haben.“

„Ich habe einen guten Magen, mir wird es schmecken.“

„Mach dich nur lustig, aber die Bäuerin hat mir erzählt, dass einige Menschen recht seltsam reagieren. Manche können gar nicht mehr aufhören davon zu essen, andere schlafen am Tisch ein und noch andere entdecken ganz neue Eigenschaften an sich.“

„Was für Eigenschaften?“

„Alles Mögliche, die Bäuerin hat nichts Genaues erzählt. Mit mir ist noch nie etwas geschehen. Ich kann mich zumindest an nichts erinnern.“

Der geriebene Hartkäse gab dem Reis noch die letzte Note, dann war das Hauptgericht fertig. Fleisch gab es nicht, aber einen Tomatensalat mit feinen Kräutern. Ich deckte den Tisch und öffnete die mir dafür übergebene Flasche Weißwein. Lizzi zog sich derweil um.

In einem eleganten Dirndl, das ihren mächtigen Busen zur Geltung brachte, setzte sie sich zu mir. „Greif zu“, forderte sie mich auf, „lass es dir schmecken.“ Ich ließ es mir nicht zweimal sagen.

Während des Essens unterhielten wir uns über Malerei. Lizzi hatte ein paar Postkarten mitgebracht. So hatten wir gleich das nötige Anschauungsmaterial.

„Die frühen Maler waren keine Stubenhocker. Manche waren sogar richtig wilde Burschen“, klärte sie mich auf.

So schrecklich spannend fand ich das Verhalten dieser längst gestorbenen Künstler nicht. Deshalb schaute ich nur auf und nickte interessiert. Das Essen war mir viel wichtiger. Es schmeckte umwerfend. Ich konnte die Gabel gar nicht aus der Hand legen.

Lizzi fuhr fort: „Kennst du Michelangelo Merisi da Caravaggio?“

Sie gab mir zwei Selbstbildnisse des Künstlers zum Ansehen. Auf dem einen hatte er sich 20-jährig als Bacchus mit Blättergirlande im Haar und einer Traube in der Hand gemalt, auf dem anderen, 12 Jahre später, als blutendes, von David abgeschlagenes Haupt des Goliath, mit zusammengezogenen Augenbrauen und aufgerissenem Mund.

Ich verneinte mit vollem Mund. „Das habe ich noch nie gesehen und der Name sagt mir auch nichts.“

„Du bist ein Banause. Caravaggio war ein ganz berühmter Maler, so etwa ums Jahr 1600. Der berühmte Hegel, der Philosoph, du weißt schon, wen ich meine, hat ein Buch über die italienische Malerei geschrieben. Er ist ganz begeistert von Caravaggio. Für heutige Ohren klingt es fast ein bisschen übertrieben, wie er von seinem magischen Zauber des Helldunkels, seiner seelenvollen Zierlichkeit und Grazie des Gemüts schwärmt.

Das klingt nach einem schöngeistigen Stubenhocker, aber Caravaggio war genau das Gegenteil. Er hat es besonders wild getrieben. Mit 11 Jahren kam er in die Lehre zu einem Maler in Mailand. Fünf Jahre später, also mit 16, ging er nach Rom, wo ihn ein Kardinal zu sich in seinen Palast holte und als Mäzen unterstützte. Er war erfolgreich, aber sein aufbrausendes Temperament ließ ihn keine Ruhe finden. Ständig war er in Händel und Prozesse verwickelt.“

Sie unterbrach sich. „Schmeckt es Dir?“

Ich kaute auf beiden Backen und konnte nur nicken.

„Das freut mich.“

Nach der kurzen Unterbrechung kam sie wieder auf ihre Erzählung zurück. „Als er im Streit einen Widersacher erschlug, musste er fliehen und ging nach Malta. Das wurde damals von den Malteserrittern beherrscht. Wieder beeindruckte er durch seine Malerei und wurde zum Dank dafür zum Ritter ernannt. Er hatte damit finanziell ausgesorgt und hätte sich auf seine Malerei konzentrieren können. Aber das war nicht seine Natur. Er fing Streit mit seinen Ritterkollegen an, verlor zur Strafe seinen Titel und musste wieder fliehen. Von jetzt an war er ständig auf der Flucht. Das hinderte ihn aber nicht, unverdrossen weiter zu malen. Und wie er malte!“

Sie holte aus dem Stapel ein paar Karten heraus und zeigte sie mir.

„Er hat für seine Zeit außergewöhnlich realistisch gemalt. Eine kniende Madonna hat sogar schmutzige Fußsohlen. Man kann sich vorstellen, dass die Kirche über so viel Realismus nicht immer glücklich war. Für anderen Realismus in seinen Bildern fand er dagegen durchaus Abnehmer.“ Sie kramte zwei neue Karten heraus.

Mühsam las ich, ohne mein Essen zu unterbrechen, ihre Titel „Knabe mit Widder, Detail aus Caravaggios Heiliger Johannes der Täufer“ und „Amor als Sieger“. Irgendetwas an dem Text war seltsam. Die Buchstaben benahmen sich ganz komisch, fast wie wenn sie lebendig geworden wären. Als ich sie genauer anschauen wollte, verformten sie sich noch mehr, bis sie mir völlig fremd vorkamen. Dabei wurde mein Kopf über all der Leseanstrengung ganz hohl.

Ich versuchte mich zusammenzureißen, doch es half nichts. Der wenige Schlaf in der vergangenen Nacht verlangte wohl seinen Tribut. Vor lauter Leere im Gehirn nahm ich Lizzis Worte nur noch verschwommen wahr. Dabei war mir mein Zustand keineswegs unangenehm. Wie ich so dasaß, den Wohlgeschmack des Essens im Mund, Lizzis Gemurmel im Ohr und den Blick auf die Bilder gerichtet, breitete sich eine wohlige Gelassenheit in mir aus, die alles um mich herum in ein rosa Licht tauchte.

Erstaunt blickte ich auf die Bilder in meiner Hand. Ich hätte geschworen, dass es Postkarten waren, aber die Figuren begannen sich zu bewegen. Ich konnte das Atelier sehen, in dem ein junger Mann Modell saß. Erstaunt schaute ich zu Lizzi auf. Doch ich kam nicht zum Fragen, denn mein Blick wurde von ihrem Dekolleté gefesselt. Ihre Brüste, deren auffallende Rundungen mich schon die ganze Zeit beunruhigt hatten, erwachten zum Leben. Vor meinen Augen fingen sie an zu wachsen, quollen aus dem Mieder und streckten sich mir Zärtlichkeit heischend entgegen. „Ich muss betrunken sein“, versuchte ich mir meinen Zustand zu erklären, und schüttelte ungläubig den Kopf.

Aus der Ferne hörte ich Lizzis besorgte Fragte: „Was ist denn mit dir los?“, doch statt zu antworten musste ich lachen, denn Lizzi schnitt mir ganz grausliche Grimassen.

„Ich bring dich erst einmal ins Bett, da kannst du dich erholen.“

Folgsam stand ich auf und ließ mich von ihr gestützt zu meinem Bett führen. Ich fühlte noch, wie sie mir die Schuhe auszog, und hörte ihr: „Schlaf gut und träume süß.“ Danach weiß ich nichts mehr. Ich muss umgehend in Schlaf gefallen sein.

Aber ich fand keine Ruhe. Ich träumte so lebhaft, dass es mir wie Realität vorkam. Noch einmal zeigte Lizzi mir ihre Bilder. Aber diesmal waren die Figuren herausfordernd nackt dargestellt, und wenn ich sie genauer anschaute, erkannte ich mich darin.

„Komisch“, ging mir durch den Kopf, „ich war damals doch gar nicht in Italien.“

Dann stand ich Modell für Lizzi. Aber sie war irre. Die ganze Zeit lachte sie und stupste mich mit ihrem feuchtkalten Pinsel. Als ich mich darüber beklagte, nahm sie mich in die Arme und tanzte mit mir. Manchmal tanzte ich auch allein und dann noch mit einer anderen Frau und schließlich mit Marianne.

„Was machst du denn hier?“, fragte ich in meinem Traum.

„Bilder von dir, viele Bilder.“

Verwundert blickte ich auf, als Lizzi mich weckte.