Ratio Cover

Jürgen Kässer

Ratio oder wohin gehen wir

Ein Versuch in die Zukunft zu blicken

Ein Buch über unsere Zukunft, das mit erstaunlicher Genauigkeit die Entwicklung des letzten Jahrzehnts vorhergesagt hat. Es

Ein fast schon prophetisches Buch, in dem bereit 2005 der Brexit und die Finanzkrise vorhergesagt wurden.


Genre: Sachbuch • Produktform: Softcover, 239 Seiten • Format: DIN A5 • Sprache: deutsch • Erscheinungsjahr: 2005 • ISBN: 978-3-938721-00-6 • Preis: 12,80 €

Einen Blick ins Buch werfen

Inhaltsverzeichnis
Leseprobe

Prolog

Die Zukunft, ein Buch mit sieben Siegeln?

Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei
Dass ihm gewiss und ungewiss die Zukunft sei


Was die Zukunft bringt, liegt im Dunkeln. Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, was uns erwartet. Selbst eine so einfache Frage wie: „Wohin entwickelt sich der Kurs einer Aktie in den nächsten fünf Minuten?“, lässt sich nicht beantworten, obwohl der kurze Blick in die Zukunft mit größtem Rechenaufwand und den ausgeklügeltsten Modellen gesucht wird. Wüsste irgendein Spekulant nämlich die Antwort, so könnte er damit an der Börse viel Geld verdienen. Um wie viel problematischer ist es da, die Entwicklung der Welt in den nächsten zwanzig, fünfzig oder gar hundert Jahren vorherzusagen.
Dagegen steht die Neugier der Menschen, die genau dieses unerreichbare Wissen haben möchten, denn jeder von uns braucht eine Vorstellung von dem, was ihn erwartet, um sein Leben irgendwie planen zu können. Die vagen Zukunftserwartungen sind entscheidend für unser Verhalten, sei es die Frage, ob wir lieber mehr sparen oder ein größeres Auto kaufen, oder sei es - wie sich etwa in dem drastischen Geburtenrückgang in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung gezeigt hat - wie viele Kinder wir haben wollen.
Die Wissbegier der Menschen und die Unmöglichkeit exakter Vorhersagen öffnen die Tür für alle möglichen Scharlatane. Vom Hundertjährigen Kalender, den Prophezeiungen des Nostradamus, den Vorhersagen aus der großen Pyramide bis zum Wochenhoroskop werden recht willkürliche Beschreibungen der Zukunft geliefert. Der Trick dabei sind häufig verschwommene, auf sehr verschiedene Erscheinungen hindeutende und schwer interpretierbare Formulierungen. Ob Nostradamus wirklich vorhersagte, dass zur Jahrtausendwende ein Komet Paris zerstört, ist offensichtlich schwer zu erkennen. Sein Text wurde vor dem möglichen Ereignis anders gedeutet als nach seinem Ausbleiben.
Wie kann man versuchen, trotz aller Schwierigkeiten einen Blick in die Zukunft zu werfen? Am einfachsten wäre es, wenn Gesetzmäßigkeiten wie in den exakten Naturwissenschaften bekannt wären. In der Physik macht es beispielsweise überhaupt kein Problem, die Farbe vorherzusagen, in der in tausend Jahren eine zu heiß gewordene Herdplatte glühen wird. Es wird dieselbe sein wie heute, das zugrunde liegende Gesetz gilt universell. Leider gibt es in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften keine solchen Gesetze. Will man die zukünftige Struktur des menschlichen Zusammenlebens finden, so ist es nur möglich, aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Man kann dabei versuchen, im Geschehen der jüngeren Vergangenheit Richtungen zu erkennen und die zugrunde liegende Bewegung in die Zukunft fortzuschreiben. Ein anderer Ansatz ist es, Beispiele für ähnliche Situationen in der Geschichte zu suchen, und die damals aufgetretene Entwicklung heranziehen, um herauszufinden, wie sich die heutige Situation entwickeln wird. Beide Methoden haben aber ihre Nachteile.
Nimmt man etwa an, dass der Verbrauch an Erdöl wie in den letzten Jahrzehnten auch in Zukunft jedes Jahr um 3 % gegenüber dem Vorjahresverbrauch steigt, so ergibt sich unweigerlich eine Katastrophe, denn auf der Erde gibt es eben nur eine begrenzte Menge Erdöl. Eine Vorhersage, die exponentielles Wachstum in die Zukunft fortschreibt, kann nur am Anfang einer Entwicklung, wenn der Verbrauch gegenüber den Reserven klein ist, richtige Ergebnisse liefern. Kommen Verbrauch und Reserven in dieselbe Größenordnung, so versagt die Voraussagekraft des Ansatzes. Dann treten zwangsläufig andere Einflussfaktoren auf, die das Wachstum bremsen. Erdöl ist nur ein Beispiel, die Begrenzung tritt ganz generell ein. Alle zunächst exponentiell anwachsenden Größen in der Natur oder in der Wirtschaft gehen nach einer gewissen Zeit in eine Sättigung über. Die Zahl der Mäuse im Kornfeld wächst nur so lange exponentiell, bis die Zahl ihrer Feinde wegen des guten Futterangebots aufgeholt hat, und auch die Rechnung vor einigen Jahrzehnten, bis wann die damals schnell wachsende Firma IBM die Weltwirtschaft beherrschen würde, war keine gute Prognose.
Wie dramatisch exponentielle Entwicklungen ablaufen, zeigt die bekannte Geschichte von den Weizenkörnern und dem Schachbrett. Darin lässt sich ein in der Mathematik nicht sehr bewanderter Prinz darauf ein, auf das erste Feld des Bretts ein Korn zu legen und auf jedes weitere immer doppelt so viele wie auf das vorherige. Was auf dem ersten Feld so bescheiden anfängt, endet auf dem 64. Feld mit riesigen Weizenmengen, in Summe so viel, dass ganz Deutschland knietief davon bedeckt würde.
Da man weiß, dass eine Fortschreibung eines Trends irgendwann in der Zukunft zu falschen Vorhersagen führen wird, liegt die Kunst darin, zu erkennen, wie lange die Vorschau gilt und durch welche Erscheinungen der Trend zerstört wird. Dies ist aber meist schwierig.
Schlüsse aus dem Vergleich einer heutigen Situation mit einer aus der Vergangenheit kranken daran, dass nichts auf der Welt sich wirklich wiederholt. Ein Teil der Fakten eines heutigen Ereignisses mag mit denen der Vergangenheit übereinstimmen, aber niemals alle. Es ist also notwendig zu erkennen, welche Faktoren für das Geschehen wichtig und welche unbedeutend sind. Dazu sind Modelle erforderlich, mit denen man die Abläufe beschreiben kann. Es ist offensichtlich, dass dabei sehr viel Willkür möglich ist.
Untersucht man etwa den Untergang des habsburgischen Reiches von Karl V und findet dabei heraus, dass es wegen der vielen Kriege an den unterschiedlichsten Fronten ohne entscheidende Siege und am Kapitalabfluss aufgrund der fortwährenden Kriegsaufwendungen zugrunde ging, so kann man daraus bleiten, dass auch die USA ein ähnliches Schicksal haben werden. Sie sind fast ständig in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt und ihr Handelsbilanzdefizit übersteigt alle Grenzen.
Andererseits kann man argumentieren, dass der technische Fortschritt in den USA den Kapitalzufluss in das Land groß genug macht, das Handelsbilanzdefizit problemlos auszugleichen, dass die Kosten der Kriege, gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, einen sehr viel kleineren Anteil haben als bei Karl V und dass die Macht der USA und ihrer Verbündeten gegenüber den heutigen und möglicherweise zukünftig auftretenden Gegnern sehr viel größer ist als die der damaligen Weltmacht, dass also keinerlei Anzeichen für eine Abschwächung der Rolle der USA existieren.
Welche Vorhersage ist richtig? Das historische Beispiel ist nicht ausreichend für eine Entscheidung. Durch unterschiedliche Gewichtung der Einflussgrößen erhält man unterschiedliche Ergebnisse. Wie man sieht, ist für eine verlässliche Prognose eine sehr viel sorgfältigere Analyse erforderlich.
Neben diese Schwierigkeiten beim Erkennen zukünftiger Entwicklungen tritt ein politisches Problem. Auch den veröffentlichten Ergebnissen einer aufwendigen offiziellen Zukunftsforschung kann nicht ohne weiteres geglaubt werden. Zu groß sind manchmal die Zwänge, die einer wahrheitsgemäßen Aussage entgegenstehen. Eine Vorhersage könnte sich für den Auftraggeber der Untersuchung ungünstig auswirken, sodass es besser ist, sie nicht an die große Glocke zu hängen. Bleiben wir beim vorigen Beispiel. Angenommen, eines der US-amerikanischen Zukunftsforschungsinstitute kommt zum Ergebnis, dass in zwanzig Jahren die USA in Bezug auf alle wichtigen Größen deutlich hinter China zurückgefallen sein werden. Diese Erkenntnis, wenn sie glaubwürdig wäre, hätte zur Folge, dass sich die Kapitalströme umorientierten, dass für viele Staaten die Nähe zu China interessanter wäre als die zu den USA und vieles mehr. Die Veröffentlichung der Prognose würde dazu führen, dass die vorhergesagten Ereignisse noch schneller einträten. Für die USA wäre es viel attraktiver, die Prognose nicht zu publizieren, die gewonnenen Erkenntnisse über eigene Schwachstellen zu nutzen, um sie zu beseitigen, und damit die Prognosevoraussetzungen so zu ändern, dass das unerwünschte Ereignis nicht eintritt.
Eingedenk all dieser Schwierigkeiten möchte ich dennoch Vorstellungen über die Zukunft aufzeigen. Die Beschreibung der technischen Entwicklung dient dabei als Basis, denn auf diesem Feld gibt es bedeutende, über längere Zeiträume wirkende Entwicklungen, die sich in die Zukunft fortschreiben lassen. Wenn viele Firmen sich auf unterschiedlichste Art mit einem Thema befassen, Hochschulen Fachleute dafür ausbilden, Geldgeber wachsende Mittel zur Verfügung stellen und alle Beteiligten sich für die Zukunft in der Beschäftigung mit dem Thema noch größere Vorteile als in der Vergangenheit versprechen, dann hat sich ein Trend herausgebildet. So prägten beispielsweise die Einführung der Eisenbahn und die Anwendung von Dampfmaschinen im Fertigungsprozess Europa fast für ein Jahrhundert.
Heute haben insbesondere zwei Entwicklungsrichtungen tief greifenden Einfluss auf unsere Lebensumstände: Einmal bestimmt die ständige Leistungssteigerung von intelligenten Automaten, eine Folge des andauernden Fortschritts in der Halbleitertechnik, in wachsendem Maß unser soziales Umfeld. Zum anderen wird der Fortschritt in der Gentechnik zukünftig Entscheidendes zu unserem individuellen Wohlbefinden beitragen. Insbesondere im Voranschreiten der Mikroelektronik, dem Herzstück der intelligenten Automaten, zeigte sich in der Vergangenheit eine Regelmäßigkeit, die sich über Jahrzehnte immer wieder bestätigt hat, sodass man schon von einer Gesetzmäßigkeit sprechen kann.
Wegen des großen Einflusses der Technik auf unsere Lebensumstände lassen sich aus ihrer Entwicklung vielfältige Schlüsse über unseren zukünftigen Lebensstil ziehen. Die Art der Produktionstechniken wird nicht nur Einfluss darauf haben, wie der Arbeitsalltag organisiert sein wird, sondern auch darauf, wie viele Menschen in welcher Form an diesem Prozess teilhaben können. Fortschritte in der Medizin werden nicht nur den Schnupfen besiegen und die Zahl behindert geborener Kinder kleiner machen, sie werden auch für viele Jahre ethische4 Auseinandersetzungen zwischen dem Recht auf Selbstverwirklichung und einer abstrakt definierten Menschenwürde bringen. An die technische Entwicklung knüpfen sich weit reichende Fragen nach der zukünftigen Organisation des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft, nach der Verteilung der erarbeiteten Güter zwischen den verschiedenen Gruppen, nach der Teilhabe am medizinischen Fortschritt oder nach der Reaktion der Menschen auf die fortwährende Veränderung ihrer Lebensumstände. Der ungeheure Produktivitätsfortschritt der nahen Vergangenheit wird sich auch in Zukunft fortsetzen und sogar noch verstärken. Dies kann zu paradiesischen Zuständen führen oder aber zu Massenarbeitslosigkeit und -elend.
Die technischen Entwicklungslinien zeigen das Umfeld auf, erlauben aber nicht herzuleiten, welche Antworten die Menschen darauf haben werden. Es ist nur möglich darzustellen, welche Situation bei Fortsetzung des herrschenden Trends eintreten wird, und Alternativen aufzuzeigen, mit denen Fehlentwicklungen verhindert werden können.
Für unterschiedliches Herangehen an die sich abzeichnenden Probleme ergeben sich sehr unterschiedliche Entwicklungen. Hier ist das weite Feld der Politik. Ethik, Menschenbild und Weltanschauung der Entscheidungsträger werden hier die Entwicklung lenken. Die breite Masse der Bevölkerung kann durch die Wahl der politischen Mandatsträger die Richtung mit beeinflussen. Letztendlich äußert sich hier aber die Machtverteilung in der Gesellschaft.
Was für das Zusammenleben in einem Land gilt, ist im Zusammenleben zwischen den Staaten nicht weniger richtig. Das Zusammenspiel von Zielvorstellung und Durchsetzungsfähigkeit wird wie seit Tausenden von Jahren dieses Feld bestimmen. Durchsetzungsfähigkeit ist eng mit technischen Fähigkeiten und wirtschaftlicher Macht verbunden, sodass sich aus der nach den obigen Überlegungen hergeleiteten Entwicklung auch Rückschlüsse zu diesem Thema ableiten lassen. Zielvorstellungen sind nicht unabhängig vom Durchsetzungsvermögen. Unter dem Einfluss einer sich verändernden Machtbasis verändern sich die Ziele. Ein Beispiel dafür ist etwa das Verhalten der europäischen Staaten im letzten Jahrhundert, das sich unter dem Eindruck schwindender Weltmachtstellung von der Konfrontation zur Kooperation gewandelt hat.
Wir stehen am Beginn eines neuen Jahrtausends. Es wäre reizvoll, eine Prognose über diesen langen Zeitraum zu geben. Das ist aber völlig aussichtslos. Man erkennt es, wenn man tausend Jahre zurückgeht und sich in die Lage eines damaligen Menschen begibt. Was von unserem heutigen Leben hätte er vorhersehen können? Wir haben keinerlei Vorstellung über die geistige und geistliche Haltung der Menschen jener fernen Zukunft, über deren Umwelt und ihre sozialen Strukturen. Ja, wir wissen nicht einmal, ob es dann noch Menschen geben wird. Die hier dargestellte Vorschau kann daher nur für unser Jahrhundert gelten, und sie wird auch in diesem Zeitraum für die weiter entfernten Jahrzehnte immer unsicherer.
Keine Prognose ist gegen unerwartete Ereignisse gewappnet. Um ein krasses Beispiel zu wählen, wenn wir morgen Besuch von den grünen Männchen des Antares bekommen, dann werden die im Folgenden beschriebenen Entwicklungen sicher nicht eintreten. Am Schluss des Buches werde ich Sie fragen: „Sollen wir darauf hoffen?“